Predigt im Gottesdienst am Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr (Volkstrauertag), 19.11.2023, Pastor Horst Seivert

Sun, 19 Nov 2023 07:53:14 +0000 von Horst Seivert

Volkstrauertag 2023 – Matthäus 25,31-46

"Was ihr getan habt einem von diesen meiner geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."
 
Liebe Gemeinde!

Heute ist Volkstrauertag, ein Tag des Gedenkens und der Erinnerung an die Greuel der vergangenen Kriege, insbesondere der beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts.
Wenn wir uns im Anschluss an diesen Gottesdienst draußen vor dem Ehrenmal versammeln, dann können wir dort, wenn wir nahe genug herangehen, die Namen derer lesen, die aus unserem Ortsteil als vermisst oder gefallen, d.h. getötet worden sind in den beiden Weltkriegen.
Mit den Konfirmanden haben wir uns das auch schon angesehen.
 
Es sind nicht wenige Männer, die sich in der Blüte ihres Lebens befanden und von heute auf morgen nicht mehr da waren. Ihre Angehörigen bekamen, wenn es gut ging, einen Brief, wo ihnen mit Bedauern der Heldentod ihres Sohnes oder Bruders mitgeteilt wurde: „Gefallen für Volk und Vaterland“.
Landauf, landab wird heute in ganz Deutschland dieser Menschen gedacht, die ihr Leben hergeben mussten.  Sie sollen nicht vergessen werden. Gleichzeitig dient dieser Tag als Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf, als Mahnung für Frieden und Versöhnung unter allen Menschen und Völkern dieser Erde.
 
Auf dem Hintergrund der Kriege, die es gegenwärtig wieder gibt – in der Ukraine und im nahen Osten, um nur zwei von vielen zu nennen, bekommt dieser Tag noch eine besondere Brisanz und Aktualität. Wieder erleben viele Menschen unvorstellbares Leid, sterben unschuldig.
Es gibt Hunger, Vertreibung, Folter, Geiselnahmen und immer wieder Tote zu beklagen, oft in der Blüte ihres Lebens, wie damals in den Weltkriegen bei uns und in weiten Teilen der Welt.
Die Welt gerät aus den Fugen. Die Welt nimmt schlimmen Lauf. (EG 430)
 
Nun haben wir einen Ausschnitt aus der Bibel gehört, der uns aber noch eine andere Spur weist, nämlich die Spur der Nächstenliebe, der Hinwendung zu denen, die unsere Hilfe brauchen. Gerade diese Hinwendung ist es, die besonders zum Frieden beiträgt.
Wie selbstverständlich ist den einen ihr Verhalten: Ihr Besuch bei den Kranken, das Bekleiden der Nackten, den Hungrigen zu essen und den Durstigen zu trinken geben, die Fremden aufzunehmen.  Das muss ihnen gar nicht erst gesagt oder befohlen werden. 
 
Anderen Gutes tun, tut der eigenen Seele gut. Das haben schon viele erfahren.  Die Zeitschrift „Hörzu“ hat ihren Lesern vor einiger Zeit die Frage gestellt: „Wie heben Sie Ihre Stimmung, wenn Sie mal schlechter Laune sind?“ Die am schlechtesten bewertete Antwort lautete: „Ich ziehe mich zurück und hoffe, dass es bald besser wird.“ Die Antwort mit der meisten Punktzahl lautete: „Ich überlege: Wem könnte ich eine Freude machen? Wer bräuchte gerade meine Hilfe?“ 
„Was ihr den Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan…“, sagt Jesus.
 
Was aber für die einen selbstverständlich ist, kommt für andere gar nicht in Frage. Sie bleiben unberührt von dem Schicksal der Menschen. So erfahren wir es im dem heutigen Evangelium. 
Genau darum, weil das so ist, weil es das wirklich gibt, auch unter uns, dass die einen schon immer wissen, was zu tun ist, wenn es um die Nächstenliebe geht und die anderen nicht, darum ist es wichtig, dass wir solche Geschichten wie diese haben. Dass wir uns erinnern, wie wichtig es ist, sich umeinander zu kümmern.
Heute geht es mir gut, aber weiß ich, ob das morgen immer noch so ist? Ich kann plötzlich krank werden oder arbeitslos. Dann bin ich auf Hilfe angewiesen und ich freue mich, wenn ich diese Hilfe bekomme.
Unser Leben ist ein Geschenk. Wenn wir dies begreifen, nicht nur mit unserem Verstand, sondern auch mit unserem Herzen, dann werden wir Anteil nehmen am Leben und an der Not anderer Menschen.
 
Vielleicht fangen wir heute damit an, indem wir der Opfer gedenken, die uns die Kriege und Gewaltherrschaften genommen haben. Dieses Gedenken wird uns helfen, zu begreifen, wie wichtig es ist, alles zu tun, damit Frieden entsteht und Frieden bleibt. Dass wir uns selbst dafür einsetzen, den Frieden zu suchen und die Verständigung und Toleranz zwischen den Menschen, dass wir uns einsetzen für Kranke, Arme, Hungrige, Fremde und Verfolgte.
Wir können das tun, weil wir wissen: für uns ist gesorgt. Gott sorgt für uns.
 
Ganz zum Schluss des heutigen Evangeliums wird uns vom Gericht erzählt. Die, die es versäumt haben, sich den Geringsten zuzuwenden, bekommen ihre Strafe.
Ich weiß: das Reden über das Gericht und die Strafe ist nicht  populär. Viele wollen das gar nicht hören.
Doch, was hier deutlich gemacht werden soll, ist dies: menschliches Leben muss verantwortet werden hier und jetzt vor unserem eigenen Gewissen und dereinst vor unserem himmlischen Vater.
Jesus sagt, was uns bevorsteht, damit wir uns einstellen auf das, was uns einmal erwartet und damit keiner sagen kann: das habe ich nicht gewusst. Was wir tun und lassen, ist nicht egal. Was von uns gefordert wird, ist Menschlichkeit. Das ist keine Überforderung für niemanden. Mit Menschlichkeit und Nächstenliebe ist keiner überfordert.
Ich allein kann aber über mein Leben kein letztes Urteil sprechen. Und auch nicht über das Leben anderer.
Jedoch: der das letzte Wort spricht, ist kein Unbekannter. Es ist Jesus Christus, der ein Mensch war wie wir und weiß, wie es um uns Menschen steht. Ein Richter, der uns kennt. Und ich hoffe, er wird sagen: Wir sind uns schon begegnet. Denn was du meinen geringsten Brüdern (und Schwestern) getan hast, das hast du mir getan. Amen
Bestätigen

Bist du sicher?