Predigt im Gottesdienst am Ewigkeitssonntag, 26.11.2023, Pastor Horst Seivert

Sun, 26 Nov 2023 07:25:02 +0000 von Horst Seivert

Predigt am Ewigkeitssonntag 2023 zu 2. Petrus, 3,8-13 zu der Karte „Meine Seele spannte…“

„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“

Liebe Gemeinde!

Auf den Friedhöfen kann man sie noch finden: die Engel. Sie wachen an den Gräbern und halten schützend die Hand über die Toten und Trauernden. Sie sind in Stein gehauen, oder in Bronze gegossen, aus Holz oder Kunststoff.  Schön sind sie oft anzusehen mit ihren Engelsflügeln und dem traurig-melancholischen Ausdruck im Gesicht. Man könnte fast meinen, sie „beleben“ den Friedhof. Wenn man geht, sind sie es, die bleiben. Und mit ihnen der Wunsch und die Hoffnung: „Ruhe in Frieden!“ So bleibt dieser tröstliche Gedanke am Grab. Denn irgendwann muss man ja wieder gehen: weg vom Grab, zurück nach Hause, das jetzt leer ist ohne ihn, ohne sie. 

Das ist der Trost der Engel: Du darfst gehen. Um die Toten brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie ruhen in Frieden.

Auf dem Bild sehen Sie einen solchen Engel, oder eigentlich nur seinen Flügel. Und den aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel: Nicht aus der Sicht derer, die am Grab stehen, sondern, so sieht es für mich aus, aus der Sicht eines dort Ruhenden, eines Toten.

Der Blick geht in den Novemberhimmel. Die Sonne schafft es nur mühsam durch die Wolken und färbt alles in ein fahles oranges Licht. Ein „Zwischenhimmel“, nicht dunkel, aber auch nicht hell, irgendetwas dazwischen: zwischen Tod und Leben. Die Bäume tragen kein Laub mehr, wie tot ragen ihre Zweige in den Himmel. Nur ein wenig „Immergrün“, Tannenzweige sind zu sehen. Und dieser Flügel, als ob er in den Himmel weist. Zwischen Himmel und Erde steht er. Ich frage mich: Ist er Wächter am Grab oder Wegweiser zum Himmel?

„Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“

In der Bibel wird das Leben der Christinnen und Christen als Wartestand beschrieben. Und ich glaube: wer trauert, kann das in besonderer Weise nachvollziehen. Das Leben danach, das Leben nach dem Tod eines geliebten Menschen ist für manche wie ein Leben in einer Zwischenwelt. Während es für alle anderen weiterzugehen scheint, steht für sie die Zeit still. Man kann nicht weitermachen wie bisher, vielleicht fühlt man sich wie ein Herbstblatt im Wind. 

Vielleicht sind Trauernde aber auch besonders sensibel dafür, dass das noch nicht alles gewesen sein kann, dieses Leben. Dass da noch etwas anderes kommt.

Friedhöfe sind Orte der Sehnsucht nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Das Kreuz auf dem Grabstein zeugt davon und auch die Engel an den Gräbern stehen dafür. Genauso wie alles andere, was Menschen heute den Verstorbenen aufs Grab legen: Herzen aus Stein, Kränze aus Blumen, Kinderzeichnungen, oder Lichter. Die Toten sind nicht weg, sie warten mit uns auf den neuen Himmel und die neue Erde, die uns versprochen sind, wo es kein Leid, kein Schmerz mehr geben wird. 

Der Dichter Joseph von Eichendorff hat seine Sehnsucht in dem Gedicht „Mondnacht“ einmal so beschrieben:     „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“ 

Diesen Vers liest man manchmal auf Grabsteinen, häufiger jedoch in den Traueranzeigen. Ich finde den Gedanken, dass das Sterben ein nach Hause kommen ist, sehr tröstlich. Wie ein Vogel breitet sich die Seele aus, fliegt fort von allem, was einengt, schmerzt und festhält. Hoch, immer höher schwingt sie sich in den Himmel und irgendwo da oben wird sie endlich ankommen: zu Hause, dort wo sie schon immer hingehörte, wohin sie sich gesehnt hat, wo einer die Arme ausbreitet und sagt: Ich habe dich erwartet. Amen
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