Predigt im Gottesdienst am 19. So. nach Trinitatis (15.10.2023) - Pastor H. Seivert

Sun, 15 Oct 2023 06:22:58 +0000 von Horst Seivert

19. So. n. T. 2023 zu  Joh. 5,1-6

Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.  Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!  Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. 

Liebe Gemeinde!

Wenn ich Geburtstagsbesuche mache, höre ich diese zwei Worte fast immer: „Hauptsache gesund“.                        Unsere Gesundheit ist in der Tat sehr wichtig. Oft wissen wir sie erst dann zu schätzen, wenn wir krank geworden sind. Nichts wünscht man sich dann sehnlicher, als wieder gesund zu werden.  

So ist es doch in unserem Leben: Zeiten der Gesundheit wechseln sich mit Zeiten der Krankheit ab, bei den einen häufiger als bei den anderen.  Es sind zwei Welten, die nahe beieinander liegen: Während die einen feiern, lachen und lustig sind, liegen die anderen mit Schmerzen und sorgen sich, ob die bevorstehende Operation denn auch gelingen wird. Viele Menschen sind schon viele Jahre krank. Die einen haben sich an ihren Zustand gewöhnt, die andern haben nicht aufgehört dagegen zu kämpfen und hoffen wieder heil, gesund zu werden.

Auch Johannes zeichnet in seiner Heilungsgeschichte diese beiden Welten: die Welt der Gesunden und die Welt der Kranken. Die einen bereiten sich auf einen hohen Feiertag vor, die andern liegen in einem Krankenhaus, einer riesengroßen Anlage mit fünf Hallen. König Herodes hatte die Anlage gebaut. Tag für Tag versammelten sich dort unzählige Kranke mit allerlei Gebrechen, weil das Wasser als heilkräftig galt.

Ähnliches gibt es in unserer Zeit auch, sogenannte Kurbäder mit Quellen deren Wasser Heilkräfte zugesprochen werden.

Man kann, so schreibt Johannes, nur gesund werden, wenn eine wundersame Bewegung im Wasser entsteht und man dann als erster hineinkommt.

Nun hören wir mit Erstaunen von einem Mann, der seit 38 Jahren krank war. 38 Jahre – das war damals ein volles Menschenalter. So lange liegt er da, gelähmt und hofft immer, dass einer kommt und ihn zum Teich bringt. 38 Jahre zwischen Hoffen und Bangen, getrennt von der Welt der Gesunden. Mildtätige Bürger sorgten zwar dafür, dass die Kranken dort nicht verhungerten. Und doch fühlte sich der Gelähmte mutterseelenallein: „Herr, ich habe keinen Menschen“, bricht es aus ihm heraus.

So wie diesem Mann geht es vielen Menschen auch heute. Krankheit führt in die Isolation, macht einsam. Krankheit bedeutet ja nicht nur körperliches Leiden, sondern oft viel stärker Einsamkeit und damit seelisches Leiden. Eine kranke Frau erzählte mir einmal: „Meine Kinder und Enkelkinder leben so weit weg, dass ich sie nur selten zu Gesicht bekomme. Ich bin froh, dass ich noch in meiner eigenen Wohnung bleiben kann, aber alle Nachbarn um mich herum sind junge Leute, die zur Arbeit gehen und beschäftigt sind, so dass ich nie jemanden von ihnen treffe. Das Leben ist so einsam geworden. Mein einziger Gefährte ist der Fernseher.“

Alleinsein ist heute ein großes Problem geworden und es nimmt immer stärker zu, seitdem unsere Gesellschaft immer schnelllebiger und hektischer geworden ist und feste Gemeinschaften (Familien) sich immer mehr auflösen.

„Herr, ich habe keinen Menschen!“     

Vielen einsamen und kranken Menschen geht es so. Und da hilft oft nur noch die Hoffnung, ja der Glaube, die Geduld zu bewahren und durchzuhalten; zu hoffen, dass Gott helfen wird.

Immer wieder treffe ich auch auf solche Menschen. Sie haben ihre Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ihnen geholfen werden kann.   Diese Hoffnung sehe ich auch bei dem Gelähmten, der 38 Jahre krank war und nun Jesus begegnet:  „Willst du gesund werden“? fragt er ihn. Und ohne viele Worte verhilft Jesus ihm zu einem neuen Leben. Er heilt ihn. Der kann nun wieder umherlaufen und im Tempel an dem Fest teilnehmen. Er gehört wieder zur Welt der Gesunden. Ein Wunder wie viele Wunder, die Jesus tut.       

So etwas geschieht heute nicht mehr, sagen Sie? Da wäre ich mir nicht so sicher. Was ist denn, wenn ein Mensch, den die Ärzte schon aufgegeben haben, wieder leben darf? Nach menschlichem Ermessen und den Erkenntnissen der Medizin, heißt es dann, dürfe dieser Mensch gar nicht mehr leben. Aber er lebt und man spricht dann von einem Wunder, was es tatsächlich auch ist. 

Wir dürfen es Gott zutrauen, dass er das tut, dass er solche Wunder vollbringt. Und wir dürfen Gottes helfende und heilende Boten sein. Wir sind es, die gebraucht werden, Gott handelt auch durch uns und mit uns. Unsere Hilfe ist Dienst an den Kranken.  

Doch nicht alle Kranken werden geheilt.  Viele Tränen werden vergossen und Gebete gesprochen. Viele warten vergeblich auf ein Wunder.  Bei diesem Mann, der 38 Jahre krank war, hat es geklappt. Er wurde wieder gesund. Andere werden es nicht. Sie sterben, wie wir alle einmal sterben werden. Aber Gottes Macht greift auch über den Tod hinaus. Wer glaubt, gibt die Hoffnung niemals auf, er weiß: Er ist nicht allein: Nicht im Leben und auch nicht im Sterben.

Als die Bibel in eine der vielen afrikanischen Sprachen übersetzt werden sollte, fanden die Übersetzer zunächst kein Wort für das, was wir mit Hoffnung bezeichnen. Schließlich fand einer der Afrikaner ein neues Bild und übersetzte: „durch den Horizont schauen“.

Ja das ist Hoffnung, das ist Glaube, durch den Horizont schauen. Der Kranke weiß um seine Krankheit und deren Last, aber er sieht hinter ihr nicht mehr nur das Schicksal, das ihm hart mitspielt. Er sieht durch den Horizont die Hand dessen, der aufhilft, der Kraft schenkt und zum Glauben und Leben ermutigt. Gott schenke uns allen diesen Glauben. Er macht unser Leben reicher. Amen                                                                        
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